TS1000 – 22 Kilogramm Wertarbeit

Wie in meinem ersten Blogbeitrag angek√ľndigt, geht es nun mit der Berliner TS1000 ins Eingemachte.

Die Front öffnet sich und ein wichtiger Teil der Elektromechanik wird zugänglich. Immer wieder sehe ich gebrauchte TS1000 mit abgebrochenen Schiebereglern und Knöpfen. In den meisten Fällen sind die Radiotechniker und stolzen Besitzer selbst schuld an diesem Übel. Um die Front einer Grundig TS1000 abzunehmen bedarf es nur 7 Kreuzschlitzschraube.

Nur 7 Kreuzschlitzschrauben und die Frontseite kann geöffnet werden. (c) Heinz D. Schultz

TS1000 Liebhaber versuchen immer wieder die Knöpfe der Schieberegler und Drehregler mit Gewalt abzuziehen. Das ist nicht nötig! Die Servicefreundlichkeit einer TS1000 ist schon 1976 ausgereift und im Wartungsfall löst man eben nur 7 Schrauben, hebt die Umlenkhebel und Rollen (gelbe Pfeile) etwas an und kann die aus einem Guß produzierte Front abnehmen.

Die Umlenkrollen beidseitig etwas anheben und schon kann die Frontplatte abgehoben werden. (c) Heinz D. Schultz

Die Schieberegler sind mit einem sehr clever gemachten System mit der Frontplatte verbunden und haben Mitnehmer f√ľr die Schieberegler auf der Frontplatine.

Schieberegler-Mechanik in der Frontplatte. Einfach, pragmatisch und genial gelöst. Verfechter der Pisastudie mögen mir verzeihen, denn die meisten Servicetechniker können keine Wartungsanleitungen lesen und reissen die Regler mit brachialer Gewalt raus. (c) Heinz D. Schultz

(P.S.: Ich habe den Staub bewusst gelassen. Reinigen kommt später. Mea culpa.)

Murkser am Werk?

Ich achte beim √Ėffnen der Maschinen immer auf den Zustand der Schrauben. Sind diese vermurkst oder mit dem falschen Schraubenzieher ge√∂ffnet worden, kann man davon ausgehen, da√ü Laien am Werk waren.

Superprofis öffnen Kreuzschlitzschrauben mit Taschenmesser, Flaschenöffner und Kronkorken. Es ist ein Drama! (c) Heinz D. Schultz

Nun gut, einen Riemen f√ľr den Capstan oder das Z√§hlwerk zu wechseln, kann auch von einem Laien gemacht werden. Das sind dann auch die, die das TS1000 Schieberegler-Abreiss-Syndrom haben. Aber vielleicht hilft dieser Beitrag, solche grundlegenden Fehler zu vermeiden.

Offener Kimono!

Hier steht sie nun, die nackte TS1000! Aufger√§umt, √ľbersichtlich und auch in diesem Zustand noch ansehnlich.

Nackt? Nein! Symetrisches Design, Alu-Guss pur.  (c) Heinz D. Schultz

Spiderman was here!

Ich blicke heute etwas zufriedener in den „Brustraum“ der TS1000. Au√üer Staub und etwas „Webematerial“ eines Mini-Spidermans gibt es nicht viel zu beanstanden. Ab jetzt beginnt sich eine Strategie zur Reinigung der Maschine in meinem Gro√ühirn zu entwickeln. Der Staub muss raus!

Staub an der rechten Bremse. (c) Heinz D. Schultz

„Bremshebel am rechten und linken Wickelmotor zieht am meisten Staub.“

Das liegt an der elektrostatischen Aufladung beim Bremsvorgang. Das Bremsband aus Metall und Spezial-Beflockung entwickeln eine Aufladung, Diese wird √ľber den Hebel abgeleitet und ‚Äěsaugt‚Äú f√∂rmlich den Staub an. Auf diesem Bild kann man auch sch√∂n sehen, da√ü Grundig zur Schalld√§mpfung und f√ľr den Korrosionsschutz alle Zugfedern mit einem speziellen Fett gesch√ľtzt hat. Zu den √Ėlen und Fetten schreibe ich ein einem der n√§chsten Posts etwas mehr.

Nicht das Netz einer Vogelspinne! Staubflockung durch elektrostatische Aufladung bei der Reibung von Filz, Metall und Kunststoff. (c) Heinz D. Schultz

Auf der Frontplatine sind kleine mechanische Meisterwerke an Schiebeschaltern verbaut. Diese sind gl√ľcklicherweise mit Goldkontakten ausgestattet. Hier werde ich noch √ľberlegen ob eine Reinigung mit Druckluft und eine nachtr√§gliche Versiegelung mit einen Kontakt-Fett notwendig wird.

Die Drehregler sind in einfachen aber robusten Messingbuchsen gehalten und bleiben so sehr lange funktionsf√§hig. Einige Besitzer klagen √ľber schwerg√§ngige Schalter des Mixers/Eingangw√§hlers. Die Schwerg√§ngigkeit kommt aber nicht von den Lagerbuchsen.

Kleine Meisterwerke auf der Frontplatine. (c) Heinz D. Schultz

VU Meter ‚Äď Johnny Controlletti

Die VU Meter der TS1000 sind auch im hohen Alter noch ein Augenschmauß. Vorausgesetzt der Vorbesitzer ist nicht mit chemischen Reinigungsmitteln an den hochwertigen Kunststoff rangegangen.

Die VU Meter sind auf den gesamten Frequenzbereich der TS1000 ausgelegt. Also keine Flacker-Bling-Bling Anzeigen sondern echte VUs! (c) Heinz D. Schultz

Ich habe meine Grundig TS1000 immer mit einem feuchten Tuch / Leder und etwas Sp√ľlmittel (Seifenwasser oder PRIL) gereinigt. Dadurch bleibt die Oberfl√§che kratzfrei und wird nicht stumpf. Wenn man die gesamte Frontplatte abgenommen hat, kann man diese bedenkenlos mit etwas Sp√ľlmittel und handwarmen Wasser in der Dusche reinigen. Gut abtropfen lassen und mit einem F√∂n (Abstand mind. 40 cm und niedrigste W√§rmestufe) trocken blasen.

Der Staub, sollte er in die VU-Meter eingedrungen sein, l√§sst sich nicht so einfach entfernen. Das Anzeigeinstrument m√ľsste dazu zerlegt werden. Hierbei ist h√∂chste Vorsicht geboten. Zeiger und Mechanik sind sehr filligran und eine Ber√ľhrung der R√ľckholfeder w√ľrde die Ansprechzeiten der Zeiger beeinflussen. Die kleinen Staubflocken hier auf dem Bild zu sehen, sind aber zum Gl√ľck auf der Scheibe.

Andruckrolle, Tonkopf und Tonträger!

Bei dieser TS1000 habe ich im ersten Blogbeitrag ja festgestellt, da√ü die Seriennummer auf der R√ľckwand mit der innenliegenden Ser√≠ennummer nicht √ľbereinstimmt. Meine Vermutung lag nahe, da√ü diese TS1000 aus 2 Ger√§ten zusammengebaut wurde und dann auf die Reise durchs Internet ging.

Spuren zur Nutzungszeit schlagen sich u.a. auf Andruckrolle und die Abnutzung der Tonköpfe nieder.

Doch jetzt geht es erstmal zur Andruckrolle!

Typisches Aussehen einer 40 Jahre alten Andruckrolle.  (c) Heinz D. Schultz

F√ľr eine 40 Jahre alte Bandmaschine sieht die Andruckrolle noch gut aus. Sie hat an Elastizit√§t verloren und strahlt mit einer glatten Oberfl√§che. Das Lacksiegel am Lager ist nicht gebrochen und man kann davon ausgehen, da√ü die Maschine noch mit der ersten Andruckrolle zurecht gekommen ist.

Die Rolle werde ich neu vulkanisieren lassen. Es gibt in Deutschland 2-3 Spezialisten die entweder Neuanfertigungen inklusive des Kerns (Lagerbuchse) anbieten, aber auch Fachleute die eine Vulkaniserung auf den Original-Kern vornehmen. Ich werde vermutlich letztere Methode vorziehen.

Tonköpfe und Kopfträger!

Grundig hatte damals die geniale Idee, die Tonköpfe auf einen Kopfträger zu montieren. Ein Abgleich der Elektronik war direkt auf der Platine im Kopfträger vorgesehen.

Zudem gab es 4-Spur, 2-Spur und 4-Spur Autoreverse Kopfträger. Welche Bandmaschiene im semiprofessionellen Bereich kann mit einem solchen Luxus aufwarten?

Die Berliner TS1000 gl√§nzte am Kopftr√§ger mit unbesch√§digten Schrauben. Die Tr√§gerschrauben des Kopftr√§gers waren niemals „gepeinigt“ worden.

Kopfträgerschrauben sind noch jungfreulich! (c) Heinz D. Schultz

Das ist eine erstes gutes Zeichen. Ich bin gespannt was die Tonköpfe sagen.

Tadelloser Kopftr√§ger und Tonk√∂pfe! (Daf√ľr w√ľrde ich bis zu 200 Euro bezahlen!)¬†(c) Heinz D. Schultz

Das begeistert mich! Die Tonköpfe haben eine minimalen Kopfspiegel von weniger als 1.5mm. Das käme nach meiner Erfahrung auf ca. 300-450 Stunden Betrieb mit gutem Band. Die Tonköpfe haben eine Lebensdauer von 5.000 bis 10.000 Stunden, je nach verwendeter Geschwindigkeit und Bandmaterial. Die ARD hat mal an einer Telefunken M15A die Verscheißgrenze mit 13.000 Betriebsstunden (Motorstunden) ermittelt. Die Telefunken lief aber mit 38cm/s. Wenn man einigen insider Berichten Glauben schenkt, halten z.B. Revox Recovac Köpfe ca. 3.000 Stunden. (Diese Information ist jedoch unbestätigt und habe ich aus mehreren Forenbeiträgen zusammengetragen.)

Der Kopftr√§ger und die Tonk√∂pfe hier werden dem Berliner Freund noch viele Jahre Freude bereiten. Zudem gibt es im Internet immer wieder g√ľnstige Kopftr√§ger zu kaufen. Ich hoffe das bleibt noch eine Weile so, denn die Preise f√ľr Tonbandger√§te erleben derzeit einen neuen Boom.

Kluge Bandfreunde decken sich rechtzeitig damit ein. In vielen Foren h√∂rt man immer wieder, da√ü man Tonk√∂pfe ‚Äěl√§ppen‚Äú kann. Ich selbst habe noch keinen Tonkopf gel√§ppt. W√ľrde auch dem Laien davor abraten. L√§ppen ist das Abtragen der Tonkopfoberfl√§che mit einem 400er-1000er Schleifpapier. Allein der Gedanke daran bereitet mir G√§nsehaut……

Tonköpfe in einem excellenten Zustand. (c) Heinz D. Schultz

Unber√ľhrte Justage!

Meine Freude wird immer größer! Die Tonköpfe wurden nicht nachgestellt oder verschlimmbessert. Die Lacksiegel zur Tonkopfjustage sind unversehrt!

Die Lacksiegel zur Tonkopfjustage sind nicht beschädigt! (c) Heinz D. Schultz

Das Innenleben ‚Äď oder der Platinensalat

Der Blick in den Brustkorb der TS1000 hat mich √ľberzeugt. Guter Zustand der Mechanik und der Tonk√∂pfe. Solche Erkenntnisse spornen immer an, Gas zu geben. Wir haben n√§chste Woche schon Anfang Oktober und bis Weihnachten soll die TS1000 in Berlin laufen.

Maschine um 180 Grad gedreht und ran an den Platinensalat.

Spiderman l√§sst gr√ľ√üen. Es ist nur Staub.¬†(c) Heinz D. Schultz

Der servicefreundliche Aufbau der TS1000 zahlt sich hier ein Zweites mal aus. Die Platinen stehen senkrecht und saugen nicht allzuviel Schmutz an. Dennoch sind die Herausforderungen ‚Äď oder ist es mein Anspruch ‚Äď sehr hoch. Wir haben bis jetzt noch keinen elektronischen Funktionstest durchgef√ľhrt. Wir sind noch im Lagebild-Modus.

Unbehandelte TS1000 Platine. (c) Heinz D. Schultz

Auf der hier abgebildten Platine sieht man sehr schön den Schiebeschalter (heller belichtet). Dieser wird durch die Gabelnase, rechts im Bild, von einem Front-Drehschalter bedient. Diese Bauweise finden wir in der TS1000 auf 3 Platinen.

Grundig verwendete zur Schmierung ein nichtleitendes Fett. Leider habe ich bei vielen Restaurationen festgestellt, da√ü im Laufe der Zeit, der Staub und Schmutz dem Fett ordentlich zusetzt. Das f√ľhrt zu St√∂rungen im Signalweg.¬†(c) Heinz D. Schultz

Auf dem Bild ist sch√∂n zu sehen, da√ü die darunterliegende Leiterbahn, mit altem Fett bedeckt ist. Das muss gr√ľndlich entfernt werden.

Hot Stuff ‚Äď √úberhitzte TS1000

Im letzten Beitrag habe ich das Netzteil der TS1000 begutachtet. Einen wichtigen Hinweis m√∂chte ich dazu noch loswerden. Das Netzteil ist √ľber den Alu-Winkel (K√ľhlwinkel) mit dem Geh√§use-K√ľhlk√∂rper verbunden und verschraubt. Zwischen den beiden K√ľhlk√∂rpern befindet siche eine W√§rmeleitpaste. Ich werde diese Leitpaste mit einem Spezialreiniger entfernen und mit einer neuen beschichten. Das wird sich auszahlen und die Netzteiltemparatur wieder auf das geplante Niveau zur√ľckf√ľhren. (P.S.: Diesen Hinweis habe ich in den Ausf√ľhrungen von Matthias Madsen best√§tigt bekommen)

Ausgetrocknete Wärmeleitpaste. (c) Heinz D. Schultz

Was kommt als Nächstes?

Im n√§chsten Blogbeitrag geht es an die Reinigung der einzelnen Komponenten, Leiterplatten und Schalter. Hierzu setze ich ein Ultraschallverfahren und eine Spezialfl√ľssigkeit ein. Ein bew√§hrtes Trocknungsverfahren sowie der Einsatz von modernen Fetten und √Ėlen werde ich ausf√ľhrlich beschreiben.

Ihr werdet bestimmt denken: „Der Alte √ľbertreibt“. Aber meine Einstellung zu solider Technik stammt von meinem Vater. Er war U-Bootfahrer im zweiten Weltkrieg und war auf Technik angewiesen. Diesen Bezug hat er mir mit seiner DNA vererbt.

Also dran bleiben, wir schaffen das bis Weihnachten.

Bildrecht des Beitragbildes: Jeremy Bishop