TS1000 – Revision versus Restauration

„Die TS1000 aus Berlin ist eingetroffen!“

Ein ehemaliger Studienkollege hat mich gebeten seine TS1000 zu begutachten. Er hatte sie bei eBay gefunden und für knappe 200 Euro ersteigert. Der Verkäufer hat die Maschine als „gebraucht“ und „lässt sich einschalten“ deklariert. Leider war das nicht so.

Der Spediteur hatte das schwere Paket am Freitag den 15.9.2017 bei mir abgeliefert. Heute einen Tag vor meinem Geburtstag darf die schöne TS1000 auf den OP-Tisch. Aber zunächst wird seziert wie die Gerichtsmediziner zu sagen pflegen.

Die TS1000 aus Berlin ist eingetroffen. Optisch auf den ersten Blick in Ordnung. (c) Heinz D. Schultz

Die typischen Mängel der gebrauchten TS1000 sind abgebrochene oder nicht mehr vorhanden Schalter, Schiebereglerknöpfe oder Tonkopfabdeckungen. Von den sich auflösenden Gummifüßen auf der Rückseite spreche ich zunächst mal nicht.

Fehlende Schiebereglerknöpfe auch hier an der TS1000 (c) Heinz D. Schultz

Zum Glück war der fehlende Knopf des Schiebereglers dabei. Hochwertige Oberflächen aus Kunststoff lassen sich mit einem 3D-Drucker leider nicht so gut herstellen. Aber das Gegenstück im Inneren der Maschine sieht ja niemand.

Abgebrochen aber zum Glück noch vorhanden (c) Heinz D. Schultz

Die Rückseite der TS1000 sieht noch ganz ansehnlich aus. Ich habe mir jedesmal vor einer OP vorgenommen die Seriennummern auf der Rückseite mit der Seriennummer im Inneren der Maschine zu vergleichen. Das hört sich vielleicht seltsam an, liefert aber Indizien auf den Ursprungs-Status. Manche Maschinen die auch als Sammlermaschinen angeboten werden, sind aus mehreren Geräten zusammengeschusterte Verkaufsobjekte. Schön ist es immer wenn beide Seriennummer übereinstimmen. Also vor einem Kauf die Fangfrage nach Seriennummern innen und außen stellen 🙂

Seriennummer aus der 14.000er Serie. Das ist so um 1979 (c) Heinz D. Schultz

Schade! Die Seriennummer im Inneren weicht ab. Aber das Innenleben ist jünger als die Hülle. Hier muss jemand wie vermutet mindestens 2 Maschinen zu einer Buchten-Kiste zusammengewürfelt haben. Aber mal sehen was die Substanz hergibt.

Seriennummer im Inneren stimmt nicht überein. Seriennummer aus der 16.000er Serie. Das ist so um 1981 (c) Heinz D. Schultz

Jetzt wird es Ernst!

Nachdem die Rückwand mit 6 Schrauben gelöst wurde und der Seriennummern-Schock überwunden, geht es an die erste Sichtung des Innenlebens.

Und es geht weiter mit den Überraschungen. 

Die Motorplatte für den Tonwellenantrieb hängt gravitationslos im Innenraum. Vermutlich hat der Vorbesitzer einen Riemenwechsel versucht und hat dann mittendrin aufgegeben. Die 3 Befestigungsschrauben fehlen.

Motorplatte ist lose, Schrauben fehlen (c) Heinz D. Schultz

Motorplatte für den Tonwellenantrieb an der TS1000 ist lose. (c) Heinz D. Schultz

Tonwelle hat noch ein gutes Lager!

Zum Glück hat die Tonwelle noch eine sehr gutes Lager. Die Verhartzung am Kugelkopf wird später gereinigt und mit neuem Buchsenfett auf Laufruhe getrimmt. Man sollte die Tonwelle niemals versuchen herauszuziehen um sich über den Zustand der Tonwellen-Lagerung ein Bild zu verschaffen. Die Lager die Grundig damals verbaut hat, sind extrem langlebig und für die Ewigkeit gefertigt. Messen kann man den Höhenschlag mit einem Mikrometer.

Tonwellen-Schwungmasse an der TS1000. (c) Heinz D. Schultz

Die beiden Öldämpfer für die Umlenkrollen sollte man bei einer 40 Jahre alten Maschine entharzen, reinigen und mit vorgeschriebenem Fett neu bestücken. Grundig hat die Verwendung von zugelassenen Fetten und Ölen in der Serviceanleitung dokumentiert. Leider lese ich in vielen Blogbeitragen immer wieder das WD40 und Balistol zur Reinigung eingesetzt wird. Balistol ist ein Waffenöl und sollte nur bei einem G3 Heckler & Koch, Glock 43 u.ä. angewendet werden. WD40 ebenda der sichere Tod für ein Bandmaschinenlager, Andruckrollen, Riemen u.v.a. Komponenten.

Öldämpfer für die Bandzugregelung/Umlenkrollen. (c) Heinz D. Schultz

Elektronik-Schau!

Nun sehen wir uns mal die Elektronik etwa näher an. Aufmerksame Leser haben festgestellt, daß ich bei einer ersten Sichtung niemals der Versuchung verfalle, die TS1000 an 220Volt anzuschließen und einzuschalten. Alleine die lose Motorplatte hätte bei Kontakt mit einem Steckverbinder oder einer Leiterbahn größern Schaden verursacht. Also immer erst eine mechanische/optische Sichtung und dann systematisch vorangehen.

Das Netzteil

Meine Aufmerksamkeit gilt immer zuerst der Stromversorgung. Alte Kondensatoren, Elkos und Transitoren sorgen schon mal für einen zu hohen Stromfluss und führen zu einem Netzteilschaden. Die meisten Besitzer haben dann bei den ersten Rauchzeichen und Ausfällen neue Sicherungen eingebaut. Das Netzzeil der TS1000 ist auch wichtiger Bestandteil der Motorensteuerung.

Meine Empfehlung ist es auch die Werte der Sicherungen am Trafo und der Stromverteiler-Platine zu überprüfen. An dieser Maschine hier war alles okay und keine der Sicherungen war defekt.

Grundig hat immer sehr sorgfältig und servicefreundlich gearbeitet. Die Werte der notwendigen Sicherungen ist auf der Platine aufgdruckt.

Das TS1000 Netzteil von der Leiterbahnenseite sieht noch ganz gut aus. (c) Heinz D. Schultz

Netzteil ohne „Lagerfeuer“ an der TS1000. (c) Heinz D. Schultz

Dioden-Pow-Wow mit Hitzespuren. (c) Heinz D. Schultz

Platinen-Sammlung

Nachdem das Netzteil keinen besonderen Anlass zur Sorge gibt, sichte ich die Lack-Siegel an den Platinen. Sind diese beschädigt, kann man davon ausgehen, daß jemand im Bauchraum der TS1000 gewerkelt hat.  Die Platinen nehme ich in der ersten Phase nicht heraus. Das geschieht dann später.

Platinen-Siegel sind gebrochen. (c) Heinz D. Schultz

Papst – Wickelmotoren

Die Papst Wickelmotoren aus dem Schwarzwald lassen sich drehen und nach dem Lösen der Bremse auch geräuschlos mit Schwung auf Geschwindigkeit bringen. Hier überlege ich dann immer, ob ein Kugellager-Wechsel lohnt oder man die für die Ewigkeit gebauten Komponenten nicht im Motor lässt. Dazu kommen wir noch später.

Es sei angemerkt, daß viele Maschinen lange Jahre in Schränken, Kellern oder klimatisch nicht optimalen Orten gelagert werden. Im Erbfall oder Umzug wird eine solche TS1000 dann schnell mal im Internet als Dachboden-/Keller-Fund angeboten. Luftfeuchtigkeit setzt den Lagern sehr zu. Hier ist Vorsicht geboten. Zwei Lager (Kugellager) tauschen kostet 20 Minuten Zeit und 16 Euro Material. In einem meiner späteren Blogbeiträgen werde ich beschreiben, wie man ein Kugellager am Papst Motor wechselt.

Papst Wickelmotoren – Test nur mit gelöster Bremse. (c) Heinz D. Schultz

Wie geht es weiter?

Im nächsten Blogbeitrag werde ich die Frontplatte abnehmen und das „Gesicht“ der TS1000 näher betrachten.  Zunächst müssen wir uns ja ein „Lagebild“ zum Gesamt-Zustand der Maschine verschaffen.

Da ich beruflich sehr aktiv bin, kann ich an manchen Abenden nur 1-2 Stunden mit der TS1000 verbringen, mein Jagdhund Johnny hat erste Priorität. Deshalb folgen die nächsten Beiträge nicht immer regelmäßig.

Ich hoffe Ihr habt dafür Verständnis 🙂

2 Antworten auf „TS1000 – Revision versus Restauration“

  1. Ich bin gespannt was Du der Grundig noch so alles an Geheimnissen entlocken wirst. Leider bin ich der absolute Laie auf diesem Gebiet. Und natürlich habe ich Verständnis für Johnny . . . Schönen Gruß aus der Altmark.

    1. Hallo Jens, danke für die netten Worte. Alte Tonbandmaschinen haben für mich soviel Entschleunigungspotential. Draußen wird Herbst und man muss den Werkstattaufenthalt gegenüber niemanden rechtfertigen 🙂 Ich werde nächste Woche Teil 2 meiner „Operation“ posten. Bin immer gespannt was dann noch so unter der Haube zum Vorschein kommt. Bleib dran und ich freue mich auf Deine Kommentare. VG HDS

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